Das Online-Tagebuch von redguevara aus Aachen
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Der Titel dieser Rubrik spielt auf das Buch "Empire" von Michael Hardt und Toni Negri (und dessen Fortsetzung "Multitude") an, von dem ich nicht viel halte, weswegen ich in dieser Rubrik des Blogs eher Sachen unterbringen, über die man sich amüsieren oder ärgern soll.
Vorschläge und/ oder Beiträge sind jederzeit erwünscht!


Der folgende Artikel entstand anlässlich des Finalspiels der Fussball-Europameisterschaft 2004.


*Warning*: Dieser Artikel enthält schlimmen Mitternachts-Zynismus!

AUF EINMAL WAREN WIR ALLE GRIECHEN

Das kennt man ja eigentlich: Grölende Fußballfans, die bei jedem gelungenen Spielzug (sei er auch noch so weit davon entfernt, ein Tor zu ermöglichen), aufschreien und sich wie in Ekstase in ihren Stühlen nicht ruhig hinsetzen können. Neu daran war am Sonntag, dass sie nicht der "eigenen", sondern der griechischen Nationalmannschaft zujubelten. Und glaubt man der geliebten BILD-Zeitung (die ihre Leser aufrief, die Griechen zu unterstützen), dann waren wir ja an dem Abend ja eigentlich im Finale: Deutscher Trainer, deutscher Schiedsrichter, die Portugiesen und Griechen verkamen in der Berichterstattung, vom Spielkommentar eines bekannten Abendshowmoderators bis zur etablierten Presse, zur Dekoration eines Aufeinanderprallens des siegreichen deutschen Volkskörpers gegen die andere Mannschaft.

Ich bin ja eigentlich nicht dafür bekannt, mich zum Lager der "linken Bellizisten" zu zählen, aber in diesen üblen Stunden zwischen viertel vor neun und viertel vor elf an diesem Sonntag, vierten Juli (Independence Day, by the way), da schlug mein Herz in tiefstem Antideutsch. Das ist für jemanden, der die "konkret" aus Prinzip nicht liest und dem die "Bahamas" bestenfalls als Klopapier ins Haus kommt, schon ungewöhnlich.

Hier soll es auch nicht darum gehen, die Griechen zu diffamieren; in meinem Viertel leben nicht wenige, die schon am Freitag Abend der Vorwoche nach dem Sieg gegen die Franzosen (la honte!) hupend mit weißblauen Fahnen durch die Straßen fuhren- denen sei ihr Sieg gegönnt. Hier soll eine selten perfide Heuchelei zur Sprache gebracht werden, wie man sie nur auf deutschen Boden zu finden scheint.

Okay, ich gebe zu, ich wollte, dass "Rudis Jungs" rausfliegen, damit endlich die ekelhaften Deutschlandfahnen aus dem Studentenviertel verschwinden und ich die Gesänge meiner Nachbarn nicht mehr ertragen musste; es war sicher ein Genuß sich vorzustellen, wie einige ultrareaktionär-protofaschistische Sudetendeutsche sich vor ihrer Glotze schwarzärgerten, dass Rudis Elf ausgerechnet von der tschechischen Ersatzmannschaft vom Platz gefegt wurde - die Mannschaft aus eben jenem Land, dass viele Veranstalter des Sudetendeutschentages lieber gestern als heute wieder von Deutschen Truppen besetzt sehen würden, um ein fettes "Böhren & Mähren"-Revival zu feiern.

Wie treffend doch, dass spätestens nach der Niederlage der Tschechen gegen die Griechen Letztere auf einmal in den deutschen Volkskörper aufgenommen schienen; so muten jedenfalls die BILD-Schlagezeilen an und deutsche offensichtlich nicht-griechischer Abstammung, die mit blau-weißen Fahnen durch die Stadt zogen. Erstaunlich, wie schnell dieselben Leute, die ihrer Tochter eine Liäson mit einem jungen Mann griechischer Herkunft sofort verbieten würden oder solche (wahrscheinlich sind es dieselben), die einen Griechen allenfalls als denjenigen, der Ihnen die Pita über die Theke reicht, aber sicher nicht mehr als Vorgesetzten akzeptieren könnten, jenes kleine Land auf einmal zur zweiten Kolonie (nach Mallorca) erklären und eine Solidarität üben, die ich mir eher gewünscht hätte mit Serben und Afghanen, die unter auch deutschem Bombenhagel kaum mit deren Sympathie zu rechnen hatten.

Aber der entscheidende Punkt ist ja gerade der, dass die Paschtunen und Ex-Südslawen (hä? wers'n das? -wird der BILD-Leser jetzt fragen) eben nicht von einem bio-deutschen Trainer auf Vordermann gebracht und einem bio-deutschen Schiri in den Europameisterstatus gepfiffen wurden, nein Unterhaltungswert erhielten diese armen Kollateralschäden ja allenfalls dadurch, dass sie indirekt an gegrillten kosovo-albanischen Föten, Konzentrationslagern in Pristina (Scharpings Greatest Hits made by UCK, remember?) bzw. an den 3.000 Toten im WTC mit Schuld waren.

Aber hey, der moderne Volksdeutsche ist ja tolerant und weltoffen, und vielleicht wird er, weil die Griechen die bösen Tschechen platt gemacht haben (deren Benes-Dekrete ja eigentlich viel schlimmer sind als die faschistische Besatzung der Nazis ab 1938) den griechischen Kellner im Restaurant nach dem nächsten Gyros (mit Fritten, versteht sich!) vielleicht sogar ein ordentliches Trinkgeld geben.

Ohne einen letzten Gedanken will ich aber nicht ins Reich der Träume entweichen:
Was wäre, wenn nicht die Griechen, sondern die Türken mit einem deutschen Trainer sich ins Finale hätten spielen können?
Man stelle sich vor, unsere ach-die-wollen-sich-ja-gar-nicht-integrieren-(sprich:-unterordnen)-Minderhei
t hätte den Pokal geholt --> was macht Frau Merkel dann? Müssten wir dann nicht, aus Dank für die Rehabilitierung des deutschen Volkskörpers, der Türkei den Weg in die EU öffnen?

So könnte die ultimative neue Strategie für die Welteroberungspläne der deutschen aussehen: Wir drehen den ausländischen Mannschaften und Meisterschaften einfach massenhaft unsere Spieler und Schiris an, irgendeiner von denen wird schon Meister werden, auf diese Weise können alle deutschen Fussball-Fans dann zu recht den Arm herausstrecken und mit Stolz schreien: "Sieg!" (auf das "Heil" danach wird seit 1945 meistens verzichtet).

Wer meine Beobachtungen jetzt schonzu abgedreht findet, dem gebe ich den Tipp mal darauf zu achten, wie schnell Griechen zu Deutschen und umgekehrt werden können, wie langsam bzw. oder gar nicht sich aber vollzieht, dass ein Spieler mit schwarzer Hautfarbe in der deutschen Fußballnationalmannschaft nicht mehr als Fremdkörper angesehen wird, der ja irgendwie eigentlich doch vielleicht gar nicht da hingehört.

Nie wieder Jägerschnitzel!




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